Anarchistische Perspektiven auf Palästina und den Widerstand gegen Kolonialismus.
Als Anarchist*innen stehen wir auf der Seite derjenigen, die unter Repression, Rassismus und staatlicher Gewalt leiden. Unsere Solidarität gilt niemals Staaten, sondern den Menschen, den Unterdrückten, den Entrechteten, den, die zwischen Grenzen und Bomben leben müssen.
Wir wissen: Wo Macht herrscht, entsteht Gewalt. Wo Staaten und Nationen sich behaupten, werden andere verdrängt, entrechtet oder vernichtet, immer im Namen von „Sicherheit“, „Identität“ oder „Religion“.
Wenn wir diese Haltung auf Palästina übertragen, wird klar, warum unsere Solidarität den Palästinenser*innen gilt. Seit über 75 Jahren erleben sie Besatzung, Enteignung und permanente Entmenschlichung. Über 2,3 Millionen Menschen leben im Gazastreifen auf einer Fläche kleiner als Hamburg, unter Blockade, Bombardierungen und katastrophalen Lebensbedingungen. Checkpoints, Mauern, Hauszerstörungen und systematische Vertreibungen sind keine Verteidigungsmaßnahmen, sondern Ausdruck kolonialer Herrschaft. Diese beruht auf Kontrolle, Landraub und ethnischer Segregation.
Die Vorstellung, ein Staat könne „Sicherheit“ für einige durch Gewalt gegen andere schaffen, ist genau das, was wir als Anarchist*innen ablehnen. Kein Staat schützt vor Gewalt; Staaten erzeugen Gewalt, um sich selbst zu erhalten.
Aus unserer Perspektive steht der Zionismus, die Idee eines jüdischen Ethnonationalistischen Staat, im Widerspruch zu jeder Vorstellung kollektiver Befreiung.
Er ersetzt eine jahrtausendealte, vielfältige jüdische Kultur durch ein Projekt territorialer Kontrolle.
1948 begann die Nakba, bei der über 700.000 Palästinenser*innen aus ihren Dörfern vertrieben oder gezwungen wurden zu fliehen. Mehr als 400 Dörfer wurden zerstört. Diese ethnische Säuberung wirkt bis heute fort: durch militärische Besatzung seit 1967, systematische Siedlungspolitik, Hauszerstörungen und die Verweigerung des Rückkehrrechts für Geflüchtete.
In der besetzten Westbank zeigt sich der fortgesetzte Siedlerkolonialismus in seiner alltäglichen Form. Mehr als 500.000 israelische Siedler*innen leben dort heute in errichteten Kolonien, geschützt durch das Militär, während palästinensische Gemeinden unter Militärrecht, Checkpoints und Landenteignungen existieren müssen. Straßen sind nach ethnischer Zugehörigkeit getrennt, Wasserzugang und Bewegungsfreiheit werden systematisch kontrolliert. Hauszerstörungen, Gewalt durch Siedler*innen und willkürliche Verhaftungen gehören zum kolonialen Alltag. Diese Politik verfolgt ein Ziel: das Land so weit wie möglich zu fragmentieren, um eine zusammenhängende palästinensische Gesellschaft unmöglich zu machen. So entsteht kein „Konflikt zwischen zwei Seiten“, sondern ein asymmetrisches System permanenter Enteignung und Vertreibung.
Diese Struktur ist kein Ausnahmefall, sondern Teil derselben kolonialen Logik, die überall wirkt und wirkte: europäische Siedlungsprojekte in Nordamerika, französischer Kolonialismus in Algerien, britischer Landraub in Afrika. Überall, wo Nationalismus und Kolonialismus herrscht, verschwinden jene, die nicht ins Raster passen.
In Palästina zeigt sich, wie nationale Ideologie, Religion und Militarismus zu einem System verschmelzen, das Herrschaft mit Religiöser oder historischer Legitimation rechtfertigt.
Nicht zu vergessen, Ein zentraler Punkt ist die gefährliche Gleichsetzung von Judentum und dem Staat Israel. Diese Logik, dass Israel „das jüdische Volk“ repräsentiere und damit Kritik an Israel antisemitisch sei, ist selbst antisemitisch. Sie verwandelt eine vielfältige Religion und Kultur in eine ideologische Staatsraison und löscht damit jüdisches Leben in seiner Diversität aus: sozialistische, ultraorthodoxe, anarchistische, säkulare und antizionistische Strömungen. Jüd*innen, die sich gegen Nationalismus und Kolonialismus stellen, etwa Gruppen wie Jewish Voice for Peace, Boycott from Within oder Neturei Karta, zeigen, dass Solidarität mit Palästina kein Widerspruch zum Kampf gegen Antijüdischen Rassismus ist.
Das Argument, Israel müsse als „Schutzraum für jüdisches Leben“ existieren, verschiebt das Problem, statt es zu lösen. Ein Staat, der durch Militarisierung und Ausschluss funktioniert, kann keinen dauerhaften Schutz bieten, weder für Jüd*innen noch für andere Menschen.
Sicherheit entsteht nicht durch Grenzen und Waffen, sondern durch Solidarität, gegenseitiger Hilfe und den entschlossenen Kampf gegen Kapitalismus, Rassismus und Faschismus, überall, wo sie auftreten.
Als Anarchist*innen sagen wir klar: Kein Staat befreit. Kein Staat schützt.
Befreiung entsteht dort, wo Menschen sich selbst organisieren, füreinander einstehen und Herrschaftsverhältnisse überwinden.
Diese Perspektive teilen Jüd*innen, Palästinenser*innen und Menschen weltweit, die gegen Militarismus, Nationalismus und Kolonialismus kämpfen.
Unser Ziel ist keine neue Grenze, kein anderer Staat, sondern eine Welt ohne Herrschaft, ohne Kolonien und ohne Unterdrückung.